Die Kinder haben jahrelang nur ferngesehen. Die großen Flatscreens bestrahlten ihre blassen Gesichter. Die Lautstärke aus den Boxen des Fernsehers führte dazu, dass sich die Kinder nie richtig unterhalten konnten und auch nicht miteinander sprechen lernten. Wenn sie nicht gerade vor dem Fernsehapparat saßen, spielten sie Computergames, was dazu führte, dass sie sich in ihrem Alltag manchmal so verhielten, wie die aggressiven Figuren in den Spielen. Ungeduldig, zerstörerisch und rücksichtslos. Als die Kids dann in die Schule kamen, hatten sie schon große Sessel mit Armlehnen, damit sie sich beim Aufstehen abstützen konnten, weil sie völlig träge waren. Jede Bewegung war schwer und nur mit viel Mühe möglich. Und herzhaftes Kinderlachen hörte man auch nicht mehr.
Manchmal kamen im Fernsehen Zeichentrickfilme, die glückliche Freunde zeigten. Sie spielten auf grünen Wiesen oder vergnügten sich im Schnee. Für die Kinder waren diese bunten Filme reine Erfindungen, die Märchenwelten zeigten.
Wie immer im Frühjahr kamen die Großeltern für ein paar Tage auf Besuch. Eines Abends saß Opa mit seinen Enkeln im Wohnzimmer beim Fernsehen, als er plötzlich ganz fasziniert auf den Bildschirm starrte: Eine kleine Gruppe von befreundeten Menschen spielte im Film ein altes Spiel mit Würfeln, das ihn an seine Kindheit erinnerte. Opa sprang auf und erklärte allen, wie unterhaltsam dieses Spiel war. Die Kinder lachten ihn aus und erklärten ihm, dass das doch nur ein Zeichentrickfilm sei. "Opa, diese Sendung kommt aus Amerika. Verstehst du nicht, das ist doch nur ein Film. Das gibt es in Wirklichkeit nicht.“
Plötzlich wusste der Großvater, dass die Kinder sich immer nur ansahen, wie andere Menschen glücklich waren, selbst aber dieses Gefühl vom Glücklichsein gar nicht kannten. Das beschäftigte ihn die ganze Nacht. Er konnte kein Auge zumachen, weil er die ganze Zeit überlegte, wie er den Kindern zeigen könnte, dass es das Leben wirklich gibt, das man in diesen Filmen sah.
Am nächsten Morgen kamen die Kinder in die Küche und gingen wie immer schnurstracks zum Kühlschrank, um sich ein paar Limodosen und Süßigkeiten zu holen, die sie neben dem Fernsehen zum Frühstück verzehren wollten. Der Kühlschrank war jedoch völlig leer. Der Großvater hatte ihn ausgeräumt. Aber nicht nur das. Er hatte auch die Verbindung zum Fernsehen und Internet ausgeschaltet. Es gab heute also kein Frühstück, kein Fernsehen und auch keine Computerspiele. Die rebellierenden Kinder hatten aber keine Ahnung, wer wohl hinter dieser Katastrophe steckte.
Da etwas getan werden musste, gingen sie los in die Stadt, um Limodosen und Berge von Süßigkeiten und Chips zu kaufen. Das war aber nur ein Trick, denn Opa dachte gar nicht daran, den Kindern so ein ungesundes Frühstück zu besorgen.
Mit Absicht spazierte er auf dem Weg in die Stadt bei einer kleinen Tischlerei vorbei, die sein alter Schulfreund in einem Hinterhof betrieb. "Hallo Joe", rief er durch das Werkstättentor, das wegen des Staubes immer geöffnet war, wenn Holz gefräst wurde. Während sich Opa mit Joe unterhielt, beobachteten die Kinder den Tischlergesellen, der an der Fräse arbeitete. Zum ersten Mal sahen sie, wie man Holz fräste. "Holz riecht ja ganz frisch", staunte die kleine Diana, während Opa aus dem Abfallholz würfelförmige Klötze aussortierte und dem kleinen Peter in die Schultertasche steckte. Dieser war ganz fasziniert von der Fräsmaschine und beobachtete einen anderen Tischler, wie er einen Holztisch zusammenschraubte. Peter durfte mithelfen und wunderte sich, wie das nach kurzer Zeit alles zusammenhielt.
Die Kinder vergaßen bei all diesen neuen Eindrücken das Frühstück.
Opa unterhielt sich immer noch mit seinem alten Schulfreund - dem Tischlermeister. Er hatte aber nebenbei alles beobachtet und wusste, dass sein Plan funktionierte: Die Kinder hatten nämlich in ihrer Schultertasche die Holzwürfel, mit denen er beabsichtigte zu spielen.
2. Kapitel: Das Ereignis im Rathauspark
Weiter ging der Spaziergang in die Stadt. Opa wusste, dass hinter dem Rathaus, in dem er viele Jahre gearbeitet hatte, ein großer Park war. „Nur ganz kurz sollten wir uns den weißen Brunnen aus Marmor mit dem blauen Clown darauf im Park ansehen“, sagte er den Kindern. Den blauen Clown wollten sie natürlich sehen.
Der Rasen war blitzeblank gemäht wie ein Golfplatz, das Betreten war strengstens verboten. Trotzdem holte Opa die Würfel aus Peters Schultertasche und warf einen in die Mitte des Rasens. Die anderen teilte er unter den Kindern auf. Opa erklärte nun das Spiel, das sie im Zeichentrickfilm gesehen hatten. Wer seinen Würfel am nähesten zu dem Würfel, der inmitten des Rasens lag, warf, hatte gewonnen. Zwei Stunden lang spielten die Kinder und vergaßen alles um sich herum. Bei jedem guten Treffer lachten und jubelten sie.
Plötzlich kam die Polizei. Jemand hatte Anzeige wegen des verbotenen Betretens der Parkanlage erstattet. Die Beamten befahlen Opa, mit den ungezogenen Kindern sofort den Rasen zu verlassen.
Zur gleichen Zeit spazierten drei Herren mit Anzug und Krawatte durch den Park. Die kleine Diana, die gerade ihren Würfel werfen wollte, schaute auf und fragte einen von ihnen, ob er denn einen Bleistift bei sich habe. Dieser schaute sie verärgert an. Er bückte sich und wollte ihr erklären, dass er der Bürgermeister dieser Stadt sei und dass es strengstens verboten ... Da fiel ihm Diana ins Wort und erklärte ihm, dass sie eigentlich keinen Bleistift, sondern Buntstifte benötige. Ehe der Bürgermeister seinem Ärger Luft machen konnte, war einer der anderen Herren zurück ins Rathaus gelaufen, um bunte Stifte in den Büros zu suchen. "Sind Sie jetzt verrückt geworden, Herr Caspar?", fragte ein Kollege erstaunt, der eine rote Farbe zum Anmalen eines Würfels hergeben sollte.
Als er zurückkam, diskutierten die Polizisten, Opa und der Bürgermeister lautstark über die Unerhörtheit, auf dem verbotenen Rasen zu spielen. Währenddessen saßen Diana, der junge Mitarbeiter des Bürgermeisters - der „verrückte Herr Caspar“ - und andere Kolleginnen, die mittlerweile auch ihre Mittagspause im Park verbrachten, mit den anderen Kindern auf dem verbotenen Rasen. Die kleine Diana verteilte die Farbstifte und bat die Mitarbeiter des Rathauses, die Holzwürfel bunt anzumalen, weil sie eine tolle Idee für ein neues Spiel habe.
Interessiert an der Überzeugung des Mädchens und überrascht zugleich schauten sich die Rathausmitarbeiter an und lauschten dann ihrer Erklärung:
„Ihr bekommt alle die farbigen Spielwürfel. Dann werfe ich zuerst einen Würfel auf den Rasen. Das ist der Zielwürfel. Nachher muss jeder Spieler versuchen, den Zielwürfel zu treffen. Wer trifft, macht so viele Punkte, wie die Zahlen der beiden Würfel zusammen ergeben. Wir spielen fünf Runden. Und wer am Ende die meisten Punkte hat, ist Sieger.“
Es war eine heiße Mittagsstunde. Die Männer zogen sich nach der ersten Spielrunde die Sakkos und die Krawatten aus und die Mitarbeiterinnen des Rathauses stellten ihre Stöckelschuhe unter die Parkbank.